Mittwoch, 2. März 2011

Klangkörper

Ich hatte eine seltsame Kindheit. Und eine noch seltsamere Adoleszenz. Vom Rest reden wir erst gar nicht. Ich weiß von Sachen, die niemand wissen sollte. Ich ertrug Sachen, die niemand ertragen sollte. Nebenbei und aus Versehen hatte ich aber auch manchmal Glück. Meine Tochter, ganz ehrlich, ist anbetungswürdig. Und ich selbst bin auch gar nicht so schlecht - ich weiß um meine Qualitäten und behaupte steif und fest, dass ich auf einer Couch vorm Fernseher in einer Pärchensituation unschlagbar komisch bin. Ich kann Leute zum Lachen bringen, bis sie sich die Bäuche festhalten. Wenn ich das will, kann ich aber auch das Gegenteil und Leute berühren und verändern. Naja. Aber irgendwas stimmt nicht mit mir. Die Sachen, die ich erlebt habe und von denen ich weiß, haben mich verändert. Einfach weil sie derart substantiell sind, dass sie jeden - ein Minimum an Sensibilität vorausgesetzt - verändern würden. Wenn man lange darüber nachdenkt, kommt man unweigerlich an den Punkt, an dem man sich fragt, wie wäre man eigentlich ohne diese Erfahrungen und ohne dieses Wissen. Würde man anders aussehen? Anders riechen? Anders denken? Anders empfinden?

Das ist schwer zu sagen. Wahrscheinlich müsste man da wieder ein Zwillingspärchen missbrauchen. Und dann so tun, als wären Zwilling ja total gleich. Keine Ahnung. Ist wohl eher eine theoretische Überlegung. Genau so wie ich mich oft gefragt habe, wie ich als Frau aussehen könnte. Ich habe mir so einen Umrechnungskurs überlegt und meine männlichen Qualitäten in weibliche umzurechnen versucht. Was die Optik betrifft, hat mir die Frage meine Tochter inzwischen beantwortet. Die Ex hat sich bei mir beschwert: sie findet die Ähnlichkeit zwischen ihrer Tochter und mir sehr unverschämt.

Aber was ist mit der "Seele". Wie wäre man ohne die Brüche? 

Ohne zu wissen warum, schalte ich nie um, wenn Ulrich Tukur irgendwo auftritt. Ich bin jetzt nicht so der Autogrammkartentyp... aber irgendwas verbindet mich mit ihm. Seit Jahren. Ohne dass ich einen Anhaltspunkt gehabt hätte, was es sein kann. Vor zwei, drei Monaten bin ich - auf der Couch vorm Fernseher - auf arte oder 3Satz bei einem Interview mit ihm hängen geblieben.

Tukur: "Ich hatte die pefekte Kindheit. Es gibt keinen einzigen Bruch und nicht den kleinsten Splitter. Mein Elternhaus war sowas von ideal, es war völlig unrealistisch, wenn ich mir die Welt und die Leute darin betrachte. So gut wie alle werden schon in frühen Jahren gebrochen. Und die leben damit. Und viele auch ganz gut. Aber es ist und bleibt ein Jammer. Das waren alles mal vollkommene Tonkörper. Makellos in ihrem Klang. Nach einem Bruch klingt nichts nicht makellos. Da können sie machen, was sie wollen. Es ist unmöglich. Und es ist ein Jammer."

Ich glaube ihm das. Und ich glaube, dieses bzw. seine Geschichte war genau der Grund für mein Interesse. Ich wäre wie er. Naja. So ähnlich. Oder auch nicht.

Habe trotzdem gerade gute Laune und höre seit zwei Tagen ununterbrochen den neuen Soundtrack.


8 Kommentare:

timanfaya hat gesagt…

ich mag keinen bruch in meinem leben missen aber das hat eher was damit zu tun, dass ich nie mit dem geschehenen hadere.

der gedanke tukurs hat was. wie oft denke auch ich in letzter zeit bei beobachtungen anderer "was für ein jammer". wie die gute anlage eines kindes in der falschen vorstellung eines erwachsenen wie kinder zu sein haben verwurstet und zerstört wird. das fängt damit an, dass anderthalbjährige angemault werden, weil sie nicht ruhig am tisch sitzen. und das ist selbstverständlich noch vergleichsweise harmlos.

als dompteur, hofnarr und schutzengel eines 16 monate alten sohnes fallen mir in letzter zeit auch immer mehr sachen aus meiner sehr frühen kindheit ein. ich hatte eigentlich eine gute kindheit, aber vom makellosen klang bin ich wohl doch sehr weit entfernt. das sieht bei meinem sohn noch ganz anders aus. ich hoffe, wir können das unrealistische* niveau halten.


* genau dieses wort geistert mir immer durch den kopf, wenn ich darüber nachdenke, ob wir dies oder das richtig machen

croco hat gesagt…

Ach, es gibt sie also, die Menschen ohne Brüche.Die Engel.
Die meisten tragen ihr leichtes oder schweres Päckchen. Ich behaupte, dass sie oft interessanter sind als die anderen. Die ohne Narben.
Aber was weiß ich schon.

Anonym hat gesagt…

Geht es noch theatralischer?

Anonym hat gesagt…

soundtrack weiß zu gefallen, ist aber poppiger geworden als rounders 1.0.
ob das gut oder schlecht ist muss ich mir noch mal überlegen.

Anonym hat gesagt…

Against all odds...

10% schaffen trotz Bruechen Grossartiges. 80% schleppen sich so durch die Normalitaet. 10% zerbrechen komplett.

Hat Croco recht?

Anonym hat gesagt…

croco hat recht

Stephan (Der Echte) hat gesagt…

"Habe trotzdem gerade gute Laune und höre seit zwei Tagen ununterbrochen den neuen Soundtrack."
Aber warum klingst Du in Deinen Texten plötzlich so leer?

Person hat gesagt…

ach scheisse, schauspieler. warum befragt man ausgerechnet immer die zum thema "realität"?