Anderthalb Eierstöcke fehlten und was weiss ich, was noch. Ein befreundeter Frauenarzt sagte: unmöglich - vielleicht via invitro. Ein paar OP-Berichte sagten: unmöglich.
"Ich kann nicht schwanger werden", sagte sie.
"Hörma", sagte ich. "Ich bin Superman - mindestens! Ich bin super drauf, und es gibt überhaupt keine Erklärung wieso. Solche komischen Arztprognosen sind da kleine Fische."
Sie war skeptisch. Also fuhren wir in eine Spezialklinik. Es gab Gespräche und Untersuchungen. Sehr schwieriger Fall sagten die. Und teuer. Fünftausend Euro pro Versuch. Drei oder vier Versuche sollten wir minimum einkalkulieren. Wäre billiger, wenn wir heiraten. Dann zahlt die Kasse irgendwas. Wir wollten aber nicht heiraten, um Geld zu sparen. Ungefähr eine Woche, bevor irgendwelche Behandlungen losgehen sollten, sagte sie, sie hätte ein Magengeschwür.
"Du bist schwanger", sagte ich.
"Sehr witzig", sagte sie.
Es folgte eine Magenspiegelung ohne Befund, ehe sie heimlich einen Schwangerschaftstest kaufte. Wir sagten den Termin in der Babyklinik ab.
Ich erfuhr ganz neue Sachen: eine Schwangerschaft dauert zehn und nicht neun Monate!
Die Kleine kam nach zwölf Stunden Geburtskampf per Notkaiserschnitt auf die Welt. Die erste Stunde waren wir alleine. Ich habe sie abgetrocknet, ihr das Armbändchen umgebunden und sie in den Arm genommen.
Sie ist jetzt drei Jahre und drei Monate alt. Sie ist klug, lustig, hübsch, charmant, mutig und vor allem dickköpfig. Als sie zwei war, wurde ihr bester Freund, Frederik, mehrfach von Fiona gekratzt und gebissen. Das zog sich über drei Monate hin. Sie sagte Fiona immer wieder, dass sie damit aufhören soll. Parallel trainierte sie ihre Fähigkeit im Hämmern mit so einem Plastikhammer aus einem Hämmerspiel. Als Fiona wieder zubiß, lag der Hammer gerade griffbereit. Sie knockte Fiona mit einem Schlag sauber aus. Fiona hat dann mit dem Beißen aufgehört.
Jetzt hat sie Schwierigkeiten im Kindergarten. Es gibt eine neue Fiona. Ein echter Brocken: fünf Jahre alt, aggressiv, fett, dumm, verhaltensauffällig und asozial. Sie dominiert die Gruppe meiner Tochter. Alle haben sich ihr unterzuordnen. Die Kleine verliert kein Wort über sie. Aber sie wurde geschubst und beleidigt, wie wir durch Zufall erfahren haben. Ich weiss, dass die Kleine an einer Strategie arbeitet. Laut der Kindergärtnerin ist sie die einzige, die sich dieser Fiona nicht unterordnet.
Rückblick. Als ich klein war, fragte ich meinen Vater im Rahmen von olympischen Sommerspielen, warum die Schwarzen so schnell rennen können.
"Wegen den Löwen. Die haben zu Hause Löwen und sind es gewöhnt wegzurennen."
"Ah."
"Deutsche müssen nicht so schnell rennen."
"Wieso?"
"Wir bleiben stehen und kämpfen."
"Hm."
Hängengeblieben ist so eine "lieber im Kampf sterben als in Feigheit leben" Haltung minus den Naziquatsch. Als Kind habe ich einmal versucht, feige zu sein und wegzurennen. Hat nicht geklappt: ich konnte mich danach nicht mehr im Spiegel angucken. Ging über Wochen. Danach bin ich nie mehr einer Auseinandersetzung ausgewichen. Einmal, als man mich eine Treppe runterstossen wollte, habe ich mich mit einem ganzen Keller voller Türken angelegt. Als mir der Oberbandenchef eine Waffe in's Gesicht hielt, schlug ich seins zu Brei. Aufgewacht bin ich dann in einer Unfallklinik. Kurioserweise bekam ich auch noch Morddrohungen von meinen türkischen Freunden. Naja. Ich schweife ab.
"Hörma", sage ich also zur Kleinen. "Wegen dieser blöden Fiona aus dem Kindergarten - wenn du Hilfe brauchst oder reden willst, ich bin für dich da. Immer!"
"Was für 'ne Fiona?" fragt sie und lächelt.
Ist doof, aber manchmal muss man kämpfen.
Zum Ausgleich gehen wir derzeit jedes Wochenende in ein anderes Kindertheater. In der Gegend, in der ich früher mal gewohnt habe, gibt es einen fabelhaften Türken mit Döner vom Kalb und selbstgemachtem Brot. Das Theater geht meistens so gegen vier Uhr nachmittags los. Vorher sitzen wir dann bei diesem Türken, wackeln zur türkischen Musik mit den Köpfen, schlagen uns die Bäuche voll und lachen uns halbtot.
Kommenden Samstag steht Dornröschen auf dem Plan. Erste Reihe.
Ich kann Kinder wirklich sehr empfehlen.
Donnerstag, 9. Oktober 2008
Sonntag, 5. Oktober 2008
Materialsammlung I
„My Homer is not a Communist. He may be a liar, a pig, an idiot, a Communist, but he is NOT a porn star!“
*
Ich meide Altersheime. Das Geruchsgemisch von Pippi-Matratzen und altem bereits süßlich nach Verwesung riechendem Menschenfleisch ist nicht so mein Fall. Wenn ein alter Eskimo körperlich abbaut und nur noch auf den Felgen kaut, habe ich gehört, setzt man ihn auf eine Eisscholle, winkt freundlich zum Abschied und überlässt ihn der Natur. Ob das jetzt besser oder schlechter ist, keine Ahnung. Ich bin mir jedenfalls nicht sicher, ob die Leute, die ich im Altersheim besucht habe, die Nummer mit der Eisscholle nicht doch vielleicht sogar freiwillig angetreten hätten. Die meisten wussten um den Pippigeruch und den Verfall. Einer hat mir mal gesagt, dass sei das Allerletzte im Sterbeheim, man verlöre das letzte bisschen Würde, ich solle gefälligst leben und bloss nicht alt werden.
Naja. Leicht gesagt. Ich steuere ja auf eine Scheidung zu, was sich inzwischen rumgesprochen hat. So ein paar neue Weiber scharren schon mit den Hufen. Ich soll verkuppelt werden und so weiter. Soll man sich das antun - wissend dass es mangels seelischer und finanzieller Ressourcen sehr wahrscheinlich eine Low Budget Produktion mit Fehlbesetzung wird? Oder bin ich da zu antizipativ? Keine Ahnung.
*
Meine Kollegin, die Lesbe, war kürzlich beim Psychodrama. Kenner werden wissen, dass ich mal mit einem Psychodramaluder zusammen war. Das war ein Drama. Jedenfalls ist dieser Kram unbestreitbar effektiv. Man bohrt sehr schnell sehr tief in den richtigen Wunden.
Kollegin: "Ich habe Rotz und Wasser geheult."
rome: "Ich war mal mit einer angehenden Psychodramaleiterin zusammen. Die hatte fünf Jahre zweimal die Woche Psychoanalyse und später dann so gut wie jedes Wochenende Psychodrama. Und die hat sich immer noch den Finger in den Hals gesteckt und sich die Seele rausgekotzt. Geh' da bitte nicht mehr hin. Einmal reicht!"
Kollegin: "Naja, aber ich habe schon 'was über meine Situation erfahren."
rome: "Wusstest du auch vorher schon. Es gibt einen neuen Ansatz. Noch viel besser und schneller. Aufstellung light!"
Kollegin: "Erzähl'!"
rome: "Geh mal für fünf Minuten davon aus, dass die Menschen, die dir wehgetan haben, das wirklich nicht gewollt haben. Mehr noch, dass sie ihr Bestes versucht haben und dass es eben einfach trotzdem in die Hose gegangen ist. Geh für weitere fünf Minuten davon aus, dass es keine Schuld gibt."
*
Aus einem (ein bisschen peinlichen) Buch...
"Es gibt keine Schuld! Könnte das sein? Dann kann ich niemanden anderen für mein Schicksal verantwortlich machen. Was ist das für eine Last! Aber was ist das auch für eine Befreiung! Ich bestimme, wie ich damit umgehe, wie ich das werte (wenn ich überhaupt werte) was passiert. Ich habe oft die Wahl, mich für oder gegen etwas zu entscheiden. Vieles kommt aber unverhofft auf mich zu. Ich muss mit Krankheit oder Verlust von geliebten Menschen umgehen, weil solche Schickssalsschläge in mein Leben treten. Aber ich entscheide, ob ich mich durch sie vernichten lasse oder ob ich die Kraft nutze, die eben auch in einem Schicksalsschlag steckt. Indem ich meine Wunden und Narben anerkenne, heile ich sie. Dostojewskis Wort, 'Ohne Gott wäre alles erlaubt', meint auch: Wenn ich nicht die Verantwortung zu mir nehme, wer soll sie für mich tragen? Mich selbst kennen zu lernen, nicht nur, wie ich sein will, sondern auch, wie ich bin, aber nicht sein will, gehört zu dem Weg. Besonders und gerade in der Partnerschaft... Dieser Weg zur eigenen Verantwortung kann auch mit der totalen Ablehnung solcher Gedanken beginnen. Ob jemand auf der Seite der Ablehnenenden oder Zustimmenden steht, darauf kommt es nicht an. Wichtig ist die Kraft, die uns zwingt, uns vehement auf die eine oder andere Seite zu stellen... Es ist wichtig, einen Standpunkt zu finden und einzunehmen. Wir können grundsätzlich, auch nach reiflicher Überlegung, den Standpunkt wechseln. Wir können lernen, den anderen Standpunkt zu achten. Aber wir können immer nur einen Standpunkt einnehmen.
Die Beschäftigung mit Verantwortung, Schuld, Projektion, Ehre, Anerkennung, Konsequenz, hilft mir, mich als den Mensch zu sehen, der ich wirklich bin. Der direkteste Weg zur Lösung aus Verstrickungen ist der Weg der Liebe. Auf diesem Weg kann mir klar werden, dass ich die Kraft habe, meine Anteile zu mir zu nehmen, dass ich die Fähigkiet habe, bei mir zu bleiben und nicht am anderen 'herumzuschrauben'. Dieser Weg ermöglicht mir, im anderen einen Menschen zu sehen, der in all seiner Unfähigkeit sein Bestes tut und gibt, im anderen jemanden zu sehen, der mit sich ringt und oft genug, wie ich selbst, unterliegt. Indem ich aufhöre, etwas sein zu wollen, kann ich der Mensch werden, der ich bin."
Der, der ich bin?
*
"Im Grunde genommen bräuchte ich eine Wahnsinns-Putzfrau, die mich liebt."
*
"Eine weitere Gefahr bei konventionellen Psychoanalysen liegt darin, dass der Patient oft nur vorgibt, sich ändern zu wollen. Leidet er an einer unglücklichen Beziehung, so ist es nur verständlich, dass er seine Symptome loswerden möchte. Wer wollte das nicht? Aber er ist nicht willens, den Schmerz und die Qualen zu ertragen, welche untrennbar mit dem Prozess des inneren Wachstums und des Unabhängigwerdens verbunden sind. Wie löst er dieses Dilemma? In dem er der 'Grundregel' folgt und alles, was ihm in den Sinn kommt, ohne Zensur sagt, erwartet er, ohne Schmerz, ohne Anstrenung, geheilt zu werden. Er glaubt also an eine Heilung durch Reden. Aber so etwas gibt es nicht. Ohne Anstrengung und ohne Bereitschaft, Schmerz und Angst zu durchleben, kann niemand wachsen."
*
Scheiße.
*
Ich meide Altersheime. Das Geruchsgemisch von Pippi-Matratzen und altem bereits süßlich nach Verwesung riechendem Menschenfleisch ist nicht so mein Fall. Wenn ein alter Eskimo körperlich abbaut und nur noch auf den Felgen kaut, habe ich gehört, setzt man ihn auf eine Eisscholle, winkt freundlich zum Abschied und überlässt ihn der Natur. Ob das jetzt besser oder schlechter ist, keine Ahnung. Ich bin mir jedenfalls nicht sicher, ob die Leute, die ich im Altersheim besucht habe, die Nummer mit der Eisscholle nicht doch vielleicht sogar freiwillig angetreten hätten. Die meisten wussten um den Pippigeruch und den Verfall. Einer hat mir mal gesagt, dass sei das Allerletzte im Sterbeheim, man verlöre das letzte bisschen Würde, ich solle gefälligst leben und bloss nicht alt werden.
Naja. Leicht gesagt. Ich steuere ja auf eine Scheidung zu, was sich inzwischen rumgesprochen hat. So ein paar neue Weiber scharren schon mit den Hufen. Ich soll verkuppelt werden und so weiter. Soll man sich das antun - wissend dass es mangels seelischer und finanzieller Ressourcen sehr wahrscheinlich eine Low Budget Produktion mit Fehlbesetzung wird? Oder bin ich da zu antizipativ? Keine Ahnung.
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Meine Kollegin, die Lesbe, war kürzlich beim Psychodrama. Kenner werden wissen, dass ich mal mit einem Psychodramaluder zusammen war. Das war ein Drama. Jedenfalls ist dieser Kram unbestreitbar effektiv. Man bohrt sehr schnell sehr tief in den richtigen Wunden.
Kollegin: "Ich habe Rotz und Wasser geheult."
rome: "Ich war mal mit einer angehenden Psychodramaleiterin zusammen. Die hatte fünf Jahre zweimal die Woche Psychoanalyse und später dann so gut wie jedes Wochenende Psychodrama. Und die hat sich immer noch den Finger in den Hals gesteckt und sich die Seele rausgekotzt. Geh' da bitte nicht mehr hin. Einmal reicht!"
Kollegin: "Naja, aber ich habe schon 'was über meine Situation erfahren."
rome: "Wusstest du auch vorher schon. Es gibt einen neuen Ansatz. Noch viel besser und schneller. Aufstellung light!"
Kollegin: "Erzähl'!"
rome: "Geh mal für fünf Minuten davon aus, dass die Menschen, die dir wehgetan haben, das wirklich nicht gewollt haben. Mehr noch, dass sie ihr Bestes versucht haben und dass es eben einfach trotzdem in die Hose gegangen ist. Geh für weitere fünf Minuten davon aus, dass es keine Schuld gibt."
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Aus einem (ein bisschen peinlichen) Buch...
"Es gibt keine Schuld! Könnte das sein? Dann kann ich niemanden anderen für mein Schicksal verantwortlich machen. Was ist das für eine Last! Aber was ist das auch für eine Befreiung! Ich bestimme, wie ich damit umgehe, wie ich das werte (wenn ich überhaupt werte) was passiert. Ich habe oft die Wahl, mich für oder gegen etwas zu entscheiden. Vieles kommt aber unverhofft auf mich zu. Ich muss mit Krankheit oder Verlust von geliebten Menschen umgehen, weil solche Schickssalsschläge in mein Leben treten. Aber ich entscheide, ob ich mich durch sie vernichten lasse oder ob ich die Kraft nutze, die eben auch in einem Schicksalsschlag steckt. Indem ich meine Wunden und Narben anerkenne, heile ich sie. Dostojewskis Wort, 'Ohne Gott wäre alles erlaubt', meint auch: Wenn ich nicht die Verantwortung zu mir nehme, wer soll sie für mich tragen? Mich selbst kennen zu lernen, nicht nur, wie ich sein will, sondern auch, wie ich bin, aber nicht sein will, gehört zu dem Weg. Besonders und gerade in der Partnerschaft... Dieser Weg zur eigenen Verantwortung kann auch mit der totalen Ablehnung solcher Gedanken beginnen. Ob jemand auf der Seite der Ablehnenenden oder Zustimmenden steht, darauf kommt es nicht an. Wichtig ist die Kraft, die uns zwingt, uns vehement auf die eine oder andere Seite zu stellen... Es ist wichtig, einen Standpunkt zu finden und einzunehmen. Wir können grundsätzlich, auch nach reiflicher Überlegung, den Standpunkt wechseln. Wir können lernen, den anderen Standpunkt zu achten. Aber wir können immer nur einen Standpunkt einnehmen.
Die Beschäftigung mit Verantwortung, Schuld, Projektion, Ehre, Anerkennung, Konsequenz, hilft mir, mich als den Mensch zu sehen, der ich wirklich bin. Der direkteste Weg zur Lösung aus Verstrickungen ist der Weg der Liebe. Auf diesem Weg kann mir klar werden, dass ich die Kraft habe, meine Anteile zu mir zu nehmen, dass ich die Fähigkiet habe, bei mir zu bleiben und nicht am anderen 'herumzuschrauben'. Dieser Weg ermöglicht mir, im anderen einen Menschen zu sehen, der in all seiner Unfähigkeit sein Bestes tut und gibt, im anderen jemanden zu sehen, der mit sich ringt und oft genug, wie ich selbst, unterliegt. Indem ich aufhöre, etwas sein zu wollen, kann ich der Mensch werden, der ich bin."
Der, der ich bin?
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"Im Grunde genommen bräuchte ich eine Wahnsinns-Putzfrau, die mich liebt."
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"Eine weitere Gefahr bei konventionellen Psychoanalysen liegt darin, dass der Patient oft nur vorgibt, sich ändern zu wollen. Leidet er an einer unglücklichen Beziehung, so ist es nur verständlich, dass er seine Symptome loswerden möchte. Wer wollte das nicht? Aber er ist nicht willens, den Schmerz und die Qualen zu ertragen, welche untrennbar mit dem Prozess des inneren Wachstums und des Unabhängigwerdens verbunden sind. Wie löst er dieses Dilemma? In dem er der 'Grundregel' folgt und alles, was ihm in den Sinn kommt, ohne Zensur sagt, erwartet er, ohne Schmerz, ohne Anstrenung, geheilt zu werden. Er glaubt also an eine Heilung durch Reden. Aber so etwas gibt es nicht. Ohne Anstrengung und ohne Bereitschaft, Schmerz und Angst zu durchleben, kann niemand wachsen."
*
Scheiße.
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