28.04.2008

Müde

Im Rahmen der Kultivierung meiner Schlafstörung gehe ich derzeit morgens um halb fünf ins Bett, stehe gegen viertel nach neun auf und bin so gegen zehn Uhr im Büro. Meine aktuelle ToDo-Liste im Büro hat 32 Einträge. Ich lese täglich rund 80 E-Mails und schreibe selber etwa 25. Ich bin hauptverantwortlich für zwei Aufgabenbereiche, die sich kein anderer freiwillig antun würde, weil man nur Ärger damit hat. Als ich den Job im letzten Dezember angenommen habe, musste ich meinem Chef versprechen, dass ich den Kram mindestens drei Jahre mache - nach Möglichkeit länger. Ich habe ständig Audit, Permanent Control und teilweise das Management Komitee und böse externe Instanzen auf den Fersen. Nebenbei mache ich stellvertretungsweise Produktionsupport für eine Kollegin, die andere Kollegen im Ausland schult. Der Job, den ich heute alleine mache, haben vor einem Jahr noch drei Leute gemacht. Gestern habe ich ein Produkt nach Asien verkauft. Präsentation vor Ort steht aus.

Ich bin in der Eierkopfabteilung - man bezahlt mich für's Nachdenken, Problemlösen und Optimieren. Aber ich bin zu müde für sowas. Und zu dumm. Es reicht gerade noch zu erkennen, dass alles, was beruflich von mir verlangt wird, völlig abstrakt und sinnlos ist.

Ein Kumpel hatte mal eine Freundin, die Verkäuferin bei Douglas war. Die hat sich immer schön angemalt, parfümiert mit den anderen Kolleginnen getratscht oder kuhäugig in die Gegend geguckt. Manchmal würde ich gerne mit ihr tauschen.

ps_
Die Voreigentümer meiner Spießerbutze haben mir einen Brief geschrieben. Sie würden gerne in die Heimat zurückkehren und fragen, ob ich ihnen das Haus zurückverkaufe.

25.04.2008

Petit Bourgeois

rome: "Die haben das genau ausgetüftelt. Die zahlen uns genau so viel, dass wir nicht abhauen."
UK: "Hm?"
rome: "Naja. Es wäre ein ziemlicher Willensakt, hier abzuhauen."
UK: "Was?"
rome: "Und dann sitzt da diese Angst im Nacken."
UK: "Welche Angst?"
rome: "Naja. Wasweissich: in Südamerika zu sitzen. Von mir aus braun gebrannt. Aber mit knurrendem Magen. Zweifelnd und pleite. Und überall hat man Sand."

24.04.2008

Money is a trap

rome: "The bank is really misogynic. I realised that last week when I was mowing my lawn."
Genevieve: "Really? Why?"
rome: "They trap women with money."
Genevieve: "What?"
rome: "They pay girls 70.000 Euro while their boy friends only earn half the money somewhere else."
Genevieve: "I don't get it."
rome: "A girl earning twice the money as her boyfriend won't quit work. So the bank trapped her."
Genevieve: "Did you smoke the grass after mowing it?"
rome: "Actually it's like a hostage-taking just not with weapons or violence but with money."
Genevieve: "Do you also listen to David Hasselhoff like all the other Germans?"
rome: "It's a prison without fences. Which somehow makes it worse than a real prison."
Genevieve: "I've been looking for freedom..."
rome: "Can you blame the bank? Well, I can. But the ordinary guy would say the girls could just quit - so they are the ones to blame."
Genevieve: "So what? Pay the girls less?"
rome: "Yes. Just to give them a chance to quit and to maybe have a baby."
Genevieve: "Aha. I think you are nuts."
rome: "Yes. I feel a bit like Eva Herrmann now."

23.04.2008

The French Prince

Noch ein Consultant. Einer aus Frankreich. Lebt seit 13 Jahren in Deutschland, hat ein Haus gekauft und spricht ein eher ulkiges Deutsch. Meistens unterhalten wir uns auf englisch. Mein Französisch ist merde. Mein Englisch im Prinzip auch, aber Französisch ist einfach eine Weibersprache. The French Prince ist Mitte vierzig, verheiratet und hat zwei Jungs in und kurz vor der Pubertät.

The French Prince hat kein einziges graues Haar. The Great Götzby ist mit ihm in Paris mal um die Häuser gezogen und hat mir davon erzählt:

"Du glaubst das nicht, ich habe sowas noch nicht gesehen. Egal, in welchem Laden wir waren, Frauen haben sich an unseren Tisch gedrängelt. Die sehen ihn, hören sein Lachen, Wasweissich und die kommen mit flatternden Haaren und wehenden Leftzen angerannt, um in seiner Nähe zu sein. Es ist un-glaub-lich!"

The French Prince ist sehr witzig und hat einen einzigartigen Charme (und kein einziges graues Haar!). Als ich neu in dem Laden war, war er zudem Guru Nummer eins, er hatte wirklich 'was drauf. Mein Abteilungsleiter wollte nicht, dass ich ihn persönlich belästige. Fragen an TFP sollten nur über die Abteilungsleiter gestellt werden.

TFP hat viel um die Ohren, aber einmal am Tag - wir arbeiten inzwischen in der selben Abteilung - kommt er bei mir vorbei und wir reden über langweiliges Zeug wie Thermo-Komposter, Rasenmähermotoren, Renovierungspläne und Heizkosten. Ich habe ihm gestern erzählt, dass mich meine (Ex-)Frau für einen "petit bourgeois" hält, weil ich immer heimlich die Heizung runtergedreht habe. Er hat gelacht und mich verstanden ("same thing with my wife - she always complains that it is too cold and whenever she turns away I always secretly turn down the radiators... and when she complains about the water not getting really hot I lie and tell her it's on maximum level... well, it will never be warm or hot enough for her anyway"). Naja. So in der Art. Außerdem kann er am lautesten von allen "PUTAIN!" rufen. The French Prince. Ich mag ihn.

Geschwindel

Meine Tochter ist eine der größten Einzelabnehmerinnen von Milumil und Aptamil 2 und 3 trinkfertig. Ihr Rekord liegt bei 15 Flaschen in 24 Stunden. Sie trinkt das Zeug seit 30 Monaten. Irgendwas haben die in die Flaschen gemischt. Die Pulverform davon kommt nicht in Frage. Auch nicht mit Tricks. Sie merkt alles. Blöderweise scheinen wir die einzigen Großabnehmer gewesen zu sein (300 Euro im Monat!), der Vertrieb wurde eingestellt. Wir kaufen jetzt in allen Läden Restbestände auf. Dennoch ist es nur eine Frage von Tagen oder Stunden, bis das Zeug ausgeht. Meine Frau hat ihr versucht, die Lage zu erklären. Sie glaubt ihr nicht. Als meine Frau über Telefonlautsprecher mit dem Hersteller persönlich sprach, um die Produktion wieder ankurbeln zu lassen und man sich erdreistete, dieses Ansinnen abzulehnen, sagte meine Tochter: "alles Geschwindel!" - Alles, was ihr nicht in den Kram passt, ist Geschwindel.

Gestern Abend musste ich sie kurzfristig berufsbedingt versetzen. Sie hatte eine Stunde vergeblich am Fenster nach mir Ausschau gehalten. Heute Abend bin ich vor ihr auf die Knie gegangen und habe um Verzeihung gebeten.

"Verzeihst du mir, bitte?"
"Nein!"
"Bitte, bitte?"
"Nein."
"Und wenn ich dich durchkitzle?"
"Nein."
"Aber es tut mir wirklich leid. Bitte, bitte vergib mir!"

Sie sah mir lange und gründlich in die Augen.

"Kein Geschwindel. Es tut mir wirklich leid!"
"Ich verzeihe dir."

Noch mal Glück gehabt.

15.04.2008

Porsche

Heute fragte mich eine Kollegin, ob ich einen Porsche fahren würde. "Heimlich und privat schon. Das sind gute Autos."

Mein Vater hatte einen. Nagelneu. Eigentlich war er nicht so, aber vielleicht hatte er Angst um mich, weil er wußte, wie ich fahre. Jedenfalls versteckte er die Schlüssel in seiner Sockenschublade. Gottseidank ging er immer sehr zeitig schlafen. Ich war achtzehn, wohnte noch zu Hause und schnappte mir also die Schlüssel und ein Bündel neuer CDs, schob den Porsche aus der Garage und ein paar Meter die Straße runter und fuhr los. Fragte man meinen Vater, wie schnell der Wagen sei, sagte er "so 285 km/h". Das stimmte aber nur für ihn. "296 km/h. Dann läuft er in den Drehzahlbegrenzer." lautete die richtige Antwort. Er brauchte auch nicht 15 - 18 Liter, sondern 25 - 30 Liter. Ich hatte extra einen Aufkleber besorgt, der am Heck mittig unter dem Spoiler klebte: "Tempo 30 - ich bin dafür!" Aber wie ich rausfand, gab es kaum Straßen in der Stadt, die man nachts nicht mit über 200 km/h fahren konnte. Dazu hörte ich dann vorzugsweise ihn oder sie. Ich war sehr jung und sehr doof und lächerlich mutig. Ich würde sagen, es war eine gute Zeit.

ps_
Nach 64 Jahren ist mir ist gerade aufgefallen, dass ich mal eine, hm, private Sportlehrerin hatte, die genau so aussah wie sie hier im Video. Naja. Lange her.

11.04.2008

Männer ohne Passion

sind bemitleidenswerte Arschlöcher. Ich bin so eins. Keine Passion. Kein Steckenpferd. Ich war oft besser als andere. Meistens aber nur, weil die anderen lausig waren. Ich würde ja gerne sagen, dass da irgendwann irgendwie irgendwelche Felle weggeschwommen sind. Aber ich hatte nie welche. Ich bin auf einem stagnierenden Level leidlich gut. Es fehlt an einer Einzelbegabung. Hingegen fehlt es nicht an Phlegma und Hybris - der Hybris, niemandem etwas beweisen zu wollen - am wenigsten mir selbst. Ich kann vor solchen Gestalten nur warnen. Männer ohne Passion sind gleichermaßen Zumutung und Zeitverschwendung.

Letztes Jahr, als ich meinen turnusmäßigen Versuch unternommen habe, aus diesem Dilemma auszubrechen, wollte ich zusammen mit Whippie eine Segelyacht kaufen. Ich hatte vier Wochen Segelbücher gelesen und für Whippie und mich eine Segelschule ausgeguckt. Irgendwann unterwegs kam ich mir albern vor und der Plan verwarf sich von selber.

Vor x Jahren, als ich meinen turnusmäßigen Versuch... war ich Fallschirmspringen in Kassel /Calden. Ich hatte mich in eine Pension eingemietet und sollte in einer Woche per AFF-Schulung zum Fallschirmspringer ausgebildet werden. Ich war gar nicht schlecht. Der einzige Kritikpunkt meiner Sprunglehrer: ich würde keine Sekunde lächeln, ich sei so angespannt. Und das stimmte. Unterm Strich hänge ich an meinem vergeudeten Leben. Also hatte ich keine Lust zu lächeln. So lange der Schirm noch nicht auf war, guckte ich auf den Höhenmesser. Und sobald der Schirm auf war, guckte ich auf die Nähte meines Gurtzeugs. Ob die Scheissdinger halten.

Merke. Angst, Phlegma und Hybris essen Seele auf.

08.04.2008

Melodramatisches Tschwein.

Dienstag, 24. März 2009, Grosser Saal, 20:00 Uhr.
Beethoven-Sinfonien-Zyklus Konzert IV,
Orchestre National de France,
Kurt Masur
Sinfonie Nr. 8 F-Dur op. 93,
Sinfonie Nr. 9 d-Moll op. 125
Veranstalter: Alte Oper Frankfurt

Gerade zwei Karten gekauft. Sechste Reihe. März 2009. Wann soll das denn sein? Und für wen ist die zweite Karte? Aber falls ich abkratze, und irgendwie habe ich das so im Gefühl, halte ich die Karten für ein gutes Vermächtnis.

Ja, wer auch nur eine Seele
Sein nennt auf dem Erdenrund!
Und wer's nie gekonnt, der stehle
Weinend sich aus diesem Bund!

03.04.2008

Schwupps...

da war der Bonus weg. Ging dann doch schnell mit dem Minus auf dem Konto. Arbeite jetzt sonntags. Doppelter Stundensatz gegen doppelte Ausgaben. Ansonsten gut organisiert. Gehe montags, mittwochs und freitags schwimmen (war heute 20 Minuten schneller als letzten Freitag). Dienstags und donnerstags besuche ich die Kleine abends nach der Arbeit in der Wohnung ihrer Mutter. Samstags ist sie bei mir. Seit ich diesen Wischomat habe, putze ich einmal die Woche die Butze (Bestzeit: 150 m² in unter 15 Minuten). Den Rest der Zeit sitze ich am Klavier oder höre Musik oder lese oder gucke Fernsehen. Das Herz schlägt dankenswerterweise friedlich weiter. Remote mode. Ich kann das. Konnte ich schon immer. Außerdem - wenn es ernst wird - entwickele ich kuriose Selbstheilungskräfte. Ich wurde vor drei oder vier Jahren operiert. Vollnarkose. Die OP dauerte anderthalb Stunden. Eine Minute später war ich wach und bin aus dem Aufwachraum gedackelt, während die anderen Arschlöcher, die vor mir operiert worden waren, noch komatös röchelten. Bin mit zwei Kathedern in der Hand da rausgelaufen. Einer links, einer rechts.

"Halt!" rief eine Schwester. "Sie dürfen nicht aufstehen!"
"Doch. Guck!" sagte ich. "Hab' Hunger und find's doof hier."
"Sie dürfen jetzt noch nichts essen!"
"Arschgeleckt."

Meine zukünftige Ex-Frau freute sich damals noch, mich zu sehen. Wir sind dann zu viert in die Kantine. Die beiden Katheder, meine Frau und ich.

Und sonst?

Matussek sagt: "Man sollte ein inneres Gespür für Grenzen entwickeln. Ein grenzenloses Leben hat die Tendenz zur Debilität. Aber ich würde nichts reglementieren, dazu liebe ich die Provokation zu sehr; es darf keine Zensur geben."