Mein persönlicher Mentor ist ein 58jähriger Choleriker mit einer Borderlinesymptomatik obendrauf. Ich habe ihn vor ein paar Jahren in der Bank kennengelernt. Wir kamen aus einem Meeting mit dem Head of Operations. Ich hatte die Tür gerade eben so hinter mir zugemacht, als mich Whippie lautstark fragte: "Was ist denn das für ein blödes Arschloch?"
Es war Liebe auf den ersten Blick zwischen uns. Whippie ist ein Consultant, den man holt, wenn es richtig eng wird. Ich schätze seinen Stundensatz auf mindestens 200 Euro. Er ist verheiratet und hat drei Töchter. Und weil er mich mag und weil er denkt, dass ich reich bin, wollte er mich mit einer verkuppeln. Alle haben mit Auszeichnung in Rekordzeit studiert und sitzen jetzt in London, New York und Weissnichtwo. Ich hatte die freie Auswahl, musste aber ablehnen, weil ich für die Vielehe völlig ungeeignet bin. Dafür habe ich ihm meinerseits ein Wildschwein aus den väterlichen Wäldern verkauft, das er selber nachbehandelt hat. Irgendwann schwärmte ich vom Rollerfahren. Zwei Tage später hatte er einen C1 gekauft und in den Pausen fuhren wir um die Wette. Seine Frau kocht nicht (siehe Choleriker), was dazu führte, dass er jeden Morgen, wenn er ins Büro kam, brüllte: "Was gehen wir heute essen, rome?"
Whippie hat das Schuheausziehen und Schuhlosrumlaufen in der Bank salonfähig gemacht. Okay, wir beide sind die einzigen, die ohne Schuhe rumlaufen, aber das reicht ja auch. Whippie versteht keinen Spaß. Manchmal muss ich ihn bremsen, damit niemand verletzt wird. Wenn er ein schwieriges Problem hat, kommt er bei mir vorbei und wir gehen ein oder zwei Stunden draussen spazieren. Unserer stocklesbischen Kollegin haut er regelmaessig auf den Arsch und fragt, ob sie ihn nichtmal besuchen will. Auf meiner Hochzeit hat er die Schnappsbar eröffnet. Ich habe ihm sein erstes Discountzertifikat verkauft. Als ich ihn fragte, ob der Gedanke, drei Töchter zu haben, wohl tröstlich sei, wenn man mal abtritt, sagte er ja. Als ich ihn fragte, ob er sich auf seinen ersten Enkel freut, sagte er: "Geht mir am Arsch vorbei!"
Er hat ein Faible für Dosenöffner. Wenn wir durch die Stadt gehen und er einen Dosenöffner sieht, kauft er ihn (siehe Ehefrau). Seit letztem Jahr hat er ein dreihundertfünfzigquadratmeter Haus in Thailand. Er überwintert da. Ist noch drei Monate weg, und er hat letzte Woche einen Brunnen gebohrt. Das Wasser ist, wie er sagt, pissgelb.
Und ich fürchte, ich bin der Sohn, den er nie hatte - und er ist der Vater, den ich vermisse.