Donnerstag, 9. Oktober 2008

La Reina

Anderthalb Eierstöcke fehlten und was weiss ich, was noch. Ein befreundeter Frauenarzt sagte: unmöglich - vielleicht via invitro. Ein paar OP-Berichte sagten: unmöglich.

"Ich kann nicht schwanger werden", sagte sie.
"Hörma", sagte ich. "Ich bin Superman - mindestens! Ich bin super drauf, und es gibt überhaupt keine Erklärung wieso. Solche komischen Arztprognosen sind da kleine Fische."

Sie war skeptisch. Also fuhren wir in eine Spezialklinik. Es gab Gespräche und Untersuchungen. Sehr schwieriger Fall sagten die. Und teuer. Fünftausend Euro pro Versuch. Drei oder vier Versuche sollten wir minimum einkalkulieren. Wäre billiger, wenn wir heiraten. Dann zahlt die Kasse irgendwas. Wir wollten aber nicht heiraten, um Geld zu sparen. Ungefähr eine Woche, bevor irgendwelche Behandlungen losgehen sollten, sagte sie, sie hätte ein Magengeschwür.

"Du bist schwanger", sagte ich.
"Sehr witzig", sagte sie.

Es folgte eine Magenspiegelung ohne Befund, ehe sie heimlich einen Schwangerschaftstest kaufte. Wir sagten den Termin in der Babyklinik ab.

Ich erfuhr ganz neue Sachen: eine Schwangerschaft dauert zehn und nicht neun Monate!

Die Kleine kam nach zwölf Stunden Geburtskampf per Notkaiserschnitt auf die Welt. Die erste Stunde waren wir alleine. Ich habe sie abgetrocknet, ihr das Armbändchen umgebunden und sie in den Arm genommen.

Sie ist jetzt drei Jahre und drei Monate alt. Sie ist klug, lustig, hübsch, charmant, mutig und vor allem dickköpfig. Als sie zwei war, wurde ihr bester Freund, Frederik, mehrfach von Fiona gekratzt und gebissen. Das zog sich über drei Monate hin. Sie sagte Fiona immer wieder, dass sie damit aufhören soll. Parallel trainierte sie ihre Fähigkeit im Hämmern mit so einem Plastikhammer aus einem Hämmerspiel. Als Fiona wieder zubiß, lag der Hammer gerade griffbereit. Sie knockte Fiona mit einem Schlag sauber aus. Fiona hat dann mit dem Beißen aufgehört.

Jetzt hat sie Schwierigkeiten im Kindergarten. Es gibt eine neue Fiona. Ein echter Brocken: fünf Jahre alt, aggressiv, fett, dumm, verhaltensauffällig und asozial. Sie dominiert die Gruppe meiner Tochter. Alle haben sich ihr unterzuordnen. Die Kleine verliert kein Wort über sie. Aber sie wurde geschubst und beleidigt, wie wir durch Zufall erfahren haben. Ich weiss, dass die Kleine an einer Strategie arbeitet. Laut der Kindergärtnerin ist sie die einzige, die sich dieser Fiona nicht unterordnet.

Rückblick. Als ich klein war, fragte ich meinen Vater im Rahmen von olympischen Sommerspielen, warum die Schwarzen so schnell rennen können.

"Wegen den Löwen. Die haben zu Hause Löwen und sind es gewöhnt wegzurennen."
"Ah."
"Deutsche müssen nicht so schnell rennen."
"Wieso?"
"Wir bleiben stehen und kämpfen."
"Hm."

Hängengeblieben ist so eine "lieber im Kampf sterben als in Feigheit leben" Haltung minus den Naziquatsch. Als Kind habe ich einmal versucht, feige zu sein und wegzurennen. Hat nicht geklappt: ich konnte mich danach nicht mehr im Spiegel angucken. Ging über Wochen. Danach bin ich nie mehr einer Auseinandersetzung ausgewichen. Einmal, als man mich eine Treppe runterstossen wollte, habe ich mich mit einem ganzen Keller voller Türken angelegt. Als mir der Oberbandenchef eine Waffe in's Gesicht hielt, schlug ich seins zu Brei. Aufgewacht bin ich dann in einer Unfallklinik. Kurioserweise bekam ich auch noch Morddrohungen von meinen türkischen Freunden. Naja. Ich schweife ab.

"Hörma", sage ich also zur Kleinen. "Wegen dieser blöden Fiona aus dem Kindergarten - wenn du Hilfe brauchst oder reden willst, ich bin für dich da. Immer!"
"Was für 'ne Fiona?" fragt sie und lächelt.

Ist doof, aber manchmal muss man kämpfen.

Zum Ausgleich gehen wir derzeit jedes Wochenende in ein anderes Kindertheater. In der Gegend, in der ich früher mal gewohnt habe, gibt es einen fabelhaften Türken mit Döner vom Kalb und selbstgemachtem Brot. Das Theater geht meistens so gegen vier Uhr nachmittags los. Vorher sitzen wir dann bei diesem Türken, wackeln zur türkischen Musik mit den Köpfen, schlagen uns die Bäuche voll und lachen uns halbtot.

Kommenden Samstag steht Dornröschen auf dem Plan. Erste Reihe.

Ich kann Kinder wirklich sehr empfehlen.

9 Kommentare:

Ingo Vogelmann hat gesagt…

Weisse Bescheid: http://de.sevenload.com/bilder/1Kvfsds-Arwen-Papa

Eine Tochter hat gesagt…

Sie! Immer wenn Sie über ihre Kleine schreiben kann ich mir das Flennen nicht mehr verkneifen. Wird ganz schön peinlich im Büro.

Miss Liss hat gesagt…

leute wie fiona gibt es in jedem alter und man muss sich beizeiten ein dickes fell wachsen lassen. bei ihrer tochter bin ich da sehr zuversichtlich :-)
kinder sind wirklich was großartiges, danke für den schönen text.

Georg hat gesagt…

Falls die Kleine je einen Blog haben wird, wäre ich für den Link dankbar.

Anonym hat gesagt…

Da wird mal eine Große draus. Tolles Gefühl, viel Spaß also beim Genießen.

Anonym hat gesagt…

Die wird das schon packen. Die Problemlösungsstrategie würde mich allerdings schon interessieren.

Anonym hat gesagt…

Kämpfen um des kämpfen willen?
Oh mann!
Wahrscheinlich hat das kind schon verstanden, was mittel zum zweck und was sinn macht.

Kinder, die die eltern ihrer eltern sein müssen, muß es aber auch geben. Wer soll sonst mal auf den Liegen der Therapeuten lernen müssen, sie selbst sein zu dürfen.

Also,
wessen kind nicht verahltesauffällig scheint, nicht vordergründig agressiv, kann immer noch neurotisiert sein, nur eben anders.
Andere klasse, andere macke.

Leutnant Riedel hat gesagt…

Mann, gehen Ihnen diese Kommentare nicht übelst aufs Ruder? Schalten Sie diese Kommentarfunktion ab, Herr Kaloy, das muß die Maschine aushalten!

r. hat gesagt…

Alle nochmal lesen, solange sie da sind... Herrgott, das ist nur nie lange!