Freitag, 19. September 2008

D.

Ich habe seit Jahren nicht mehr geträumt. Aber vorhin bin ich schweißgebadet aus einem Albtraum aufgewacht. Und wie es sich für einen anständigen Albtraum gehört: alles wirkte sehr real.

Ich saß in einem modrigen Beichtstuhl auf einem Sünderbänkchen und heulte. Und ich war nicht mal katholisch. Auf der anderen Seite saß Eugen D., der sich qua seines Kirchenausschlusses auch nicht direkt heimelig fühlte in diesem Stuhl.

"Was geht?" fragte Eugen.
"Ich hab' richtig verkackt, Baby", schnäuzte ich zusammen mit meiner Rotze raus.
"Na, frag mich mal - wenn die mich hier erwischen, krieg ich so richtig in den Arsch getreten!"

Er schob mir ein Taschentuch rüber, das nach Persil roch. Viel besser als der dämliche Beichtstuhl. Hätte ich nicht gedacht, dachte ich. Ich dachte immer, der wäscht seine Strickpullis bestimmt nur im Frühjahr, mit einem alten Stück Kernseife, wenn gerade Hochwasser im Keller ist.

"Riecht gut, dein Taschentuch, D. - ehrlich."
"Ja, danke. Kannste behalten. Also hau rein."
"Naja, ich war schlecht bis hundsgemein und hab' meine Familie verloren. Meine Tochter leidet sehr und ist sehr traurig und ich kann sie nicht mehr glücklich machen. Und meine Frau hält mich für Adolf Hitler in böse."
"Ah. Verstehe."
"Und ich kann nichts mehr machen, weißt du."
"Hm."
"Gib' mir mal einen Tipp, was man macht, wenn man nichts mehr machen kann."
"Willst du eine Zigarette?"
"Nein, danke. Bin Nichtraucher. Ich rauche nur wenn ich trinke."
"Willst du 'was trinken?"
"Hast du 'was da?"
"Klar. Was du willst."
"Jameson. Einen Doppelten. Ohne Eis. Ein Glas Mineralwasser extra - auch ohne Eis. Und 'ne Zigarette, bitte."
"Kein Ding."
"Sehr nett. Aber du schuldest mir noch eine Antwort. Was man macht, wenn..."
"Du, ich hab' keine Ahnung."
"Doch gut, dass ich Protestant bin."
"Sei nicht so."
"Hm."
"Ach scheiß drauf. Ich mach' heute mal ein Ausnahme."
"Was?"
"Ich hol' die Glaskugel raus. Und wehe du erzählst davon was! Schwöre, dass du das für dich behältst - das mit der Glaskugel!
"Okay. Ich schwöre bei... Gott."
"Bei dem Ding kann man noch hinten und vorne spulen. Meistens spule ich erstmal so ein bisschen zurück..."
"Von mir aus."
"Dauert einen Moment."

Ich füllte derweil meinen Tränentank auf - mit Jameson und Mineralwasser und zog an der filterlosen Reval. Ich sah D. im Schein der Glaskugel, die Bilder flimmerten an ihm vorbei, sein Blick verfinsterte sich, die Stirn in Falten geworfen. Achscheiße, dachte ich, und hielt vorläufig meine Klappe.

"Okay", sagte er schließlich.
"Ja, ich weiß."
"Gar nichts weißt du. Ich habe an den Anfang zurückgespult."
"Wozu?"
"Weil es einen Unterschied macht."
"Nein. Macht es nicht. Ich bin zu alt dafür."
"Hör' mal das reicht jetzt. Ich habe alles gesehen. Du hast einen Vogel, aber du bist ein guter Mensch. Du bist stark und lustig und fürsorglich und herzlich - und wenn ich mir die Scheißbilder so angucke, hast du nicht mal einen Grund dafür. Lass dich nicht an's Kreuz nageln, Baby. Hörst du?"
"Hm."
"Und jetzt schmeiß ich dich raus. Du hast hier nichts verloren. Glaub an dich. Das wird reichen. Für alles was da kommt. Ab dafür!"

4 Kommentare:

stefan hat gesagt…

Ach, manchmal weiß ich nicht, ob ich dich bedauern oder dir verbal in den arsch treten soll.

aber ich kann es nachvollziehen...

aber so unter uns, es gibt keine Taste zum rückspulen. auch wenn wir die alle vermissen...

Remington hat gesagt…

Da wir Herren der alten Schule nun mal drauf konditioniert sind, uns als Hüter der Familie zu fühlen, kommt das Schuldgefühl ganz automatisch, wenn diese scheitert. Viele Frauen sind ganz ausgezeichnet darin, das wachzuhalten und zu nutzen. Mich hats fertiggemacht, bzw ich mich selber. Sei auf der Hut.

landau hat gesagt…

verbal in den arsch treten? noch optimistischer geht's doch schon fast nicht mehr.

Anonym hat gesagt…

Das grenzt schon an Erweckungliteratur, und es merkt (fast) keiner.