Prolog: 75 cl Chateau Chante Alouette, Saint-Emilion Grand Cru 1999.
Letztes Wochenende habe ich im Keller einen Squashschläger gefunden. Zwölf Jahre war das Ding verschwunden. Ein Zeichen, dachte ich. Vielleicht werde ich ja doch noch Profisportler. Also rief ich Götzby an, der so ein bisschen auf Demütigungen steht, und ging Squash spielen. Das war am Montag. Seit einer halben Stunde kann ich wieder aufstehen und schon wieder ein bisschen rumhumpeln. Hexenschuss mit Beinlähmung, gab ich meinem Arbeitgeber am Dienstag telefonisch durch. Ich sei auf dem Weg zum Arzt. Das war nicht gelogen. Ich saß schon im Auto. Nur das mit dem Kuppeln und Gasgeben und Bremsen ging nicht. Als ich wieder aus dem Auto kletterte, stand der Pakettyp am Gartentor, sah mir zu und lachte. Gib meine Bücher her und geh weg, sagte ich ihm.
Pessoa. "Vermittels dieser Eindrücke ohne Zusammenhang und ohne den Wunsch nach Zusammenhang erzähle ich gleichmütig meine Autobiographie ohne Fakten, meine Geschichte ohne Leben. Es sind meine Bekenntnisse, und wenn ich in ihnen nichts aussage, so weil ich nichts zu sagen habe."
Jacques Mesrine. "Sie waren nicht gekommen, um ihn festzunehmen. Sie ahnten, sie würden ihn nicht lebend bekommen. Auf dem Boden im BMW lagen griffbereit zwei Handgranaten. 'Wir konnten', so Kommissar Maurice Bouvier, 'nicht warten, bis er sie gegen uns einsetzte.' So knallten sie ihn ab, getreu dem Motto, das Mesrine selbst für das letzte Gefecht verkündet hatte: 'Wer zuerst schießt, der siegt.'"
Ich bin über beiden Büchern eingeschlafen. Ich kann nichts mehr lesen. Alle Geschichten sind erzählt, alle Konzepte überholt, jede Empathie erschöpft. Die Ultima ratio?
Ein Bekannter meines Schwiegervaters, irgendein Doktor sowieso mit sehr viel Geld und Häusern und einer Frau und einem Kind, hat ein Problem mit seiner Aorta. Das Ding kann jeden Moment reissen, was unwiderruflichen und sehr kurzfristigen Feierabend bedeuten würde. Er hat Frau und Kind zweihundert Kilometer entfernt in seinem Jagdhaus geparkt, lebt alleine in einer Villa im Westend, trinkt keinen Wein mehr unter fünfhundert Euro die Flasche und vögelt den ganzen Tag Callgirls.
Ein Kollege aus der Bank war knapp ein Jahr verheiratet, als ihn seine Frau verliess. Er hat mir davon erzählt: "Sie saß sechszehn Stunden jeden Tag vorm PC und spielte World of Warcraft. Hat sich in jemanden aus ihrem Clan verliebt und ist abgehauen." Eigenartigerweise war sie es, die elf Monate zuvor unbedingt heiraten wollte. Er hat jetzt eine neue Frau. Sie sind gerade auf Safari in Afrika.
So ein Typ aus dem Fernsehen hat anderthalb Jahre bei irgendwelchen Buschmännern in Afrika gelebt. Die Buschmänner und Buschfrauen waren zivilisatorisch noch eher unverbraucht. Wenn sie nicht gevögelt haben, haben sie an langen Stöcken geschnitzt, die sie sich im Rahmen einer größeren Buschmannsause dann um die Ohren gekloppt haben. Der Fernsehtyp fand die Buschmänner und -weiber alle super, wollte so ein bisschen Eindruck schinden und ist dann im Krokodilfluss nebenan baden gegangen.
Ich weiss ja auch nicht.
Aber vielleicht liegt Kurt Krömer gar nicht so falsch. Er hat Herrn Pobereit kürzlich einen Antrag gemacht und beabsichtigt, ihn in einer dänischen Technodisco zu ehelichen.
Epilog:
"Eines Tages existierte die Seele nicht,
noch der Geist,
und was das Bewußtsein angeht, so hatte noch nie jemand daran gedacht,
aber wo war übrigens das Denken in einer Welt, die einzig aus sich bekriegenden Elementen bestand, welche ebenso rasch zerstört wie neu zusammengesetzt wurden,
denn das Denken ist ein Luxus des Friedens...
Denn die Menschheit möchte nicht die Last des Lebens tragen, an dem natürlichen Gerangel der Kräfte teilhaben, welche die Realität ausmachen, um dadurch einen Körper zu erlangen, gegen den kein Sturm mehr ankäme. Sie hat es immer vorgezogen, sich ganz einfach damit zu begnügen, zu existieren... und zweifellos kann alles existieren, ohne dass es sich bemühte zu sein... und alles kann existieren ohne zu strahlen und zu glänzen."
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