Sonntag, 27. Juli 2008
Schwielensohler No. 1
Meine Mutter. Ist eine unglaubliche Geschäftsfrau. Das letzte Haus, das sie gekauft hat, sollte 550.000 Euro kosten. Sie hat 295.000 bezahlt. Einer ihrer Brüder hat besoffen einen kostspieligen Unfall verursacht. Die Versicherung wollte 150.000 Euro von ihm. Sie engagierte einen Anwalt, der den Bruder vertreten und die Summe runterhandeln sollte. Der Anwalt handelte die Versicherung auf 50.000 Euro runter. Das war ihr nicht genug. Sie trat selber in die Verhandlungen ein, löste den Bruder für 10.000 Euro aus und liess ihn die Schulden in einem ihrer Gärten stundenweise abstottern. Sie hat acht Geschwister. Für sechs oder sieben davon ist sie irgendwann mal vorübergehend als Arbeitgeber eingesprungen. Ihrer Mutter hat sie als einzige seit den 70er Jahren monatlich Geld zukommen lassen. Niemand weiß davon. Ich habe das zufällig rausgefunden. Sie hat große Summen für ein Behindertenheim gesammelt. Wenn wir alle abkratzen, geht das Geld an SOS Kinderdörfer. Abgesehen davon, dass sie mich als Kind geschlagen hat und dass sie eine große Nervensäge ist, die sich aus nichts raushalten kann, ist sie ziemlich rührend und fürsorglich und gut. Sie liebt ihre Enkeltochter über alles. Und mittlerweile glaube ich ihr sogar, dass sie mich ganz gern hat. Als ich kurz davor war, mein Studium zu schmeissen, schickte sie mir einen Blankoscheck. Sie dachte, dass mich das motivieren würde. Ich glaube nicht, dass sie mich wirklich jemals verstanden hat. Aber sie nimmt mich ernst und hält mich für integer. Sie weiß, dass ich im Moment in Schwierigkeiten stecke. Dass mir die Trennung in den Knochen steckt. Sie ruft dann an und sagt, dass sie für mich da ist und dass ich, sollte ich Geld brauchen, es von dem und dem Konto abbuchen soll. "Egal wie viel. Nimm's dir, kauf' dir 'was, fahr weg." Ich sage dann: "Danke, das ist nett, aber ich brauche nichts." Und ich finde es wirklich nett.
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