28.04.2008

Müde

Im Rahmen der Kultivierung meiner Schlafstörung gehe ich derzeit morgens um halb fünf ins Bett, stehe gegen viertel nach neun auf und bin so gegen zehn Uhr im Büro. Meine aktuelle ToDo-Liste im Büro hat 32 Einträge. Ich lese täglich rund 80 E-Mails und schreibe selber etwa 25. Ich bin hauptverantwortlich für zwei Aufgabenbereiche, die sich kein anderer freiwillig antun würde, weil man nur Ärger damit hat. Als ich den Job im letzten Dezember angenommen habe, musste ich meinem Chef versprechen, dass ich den Kram mindestens drei Jahre mache - nach Möglichkeit länger. Ich habe ständig Audit, Permanent Control und teilweise das Management Komitee und böse externe Instanzen auf den Fersen. Nebenbei mache ich stellvertretungsweise Produktionsupport für eine Kollegin, die andere Kollegen im Ausland schult. Der Job, den ich heute alleine mache, haben vor einem Jahr noch drei Leute gemacht. Gestern habe ich ein Produkt nach Asien verkauft. Präsentation vor Ort steht aus.

Ich bin in der Eierkopfabteilung - man bezahlt mich für's Nachdenken, Problemlösen und Optimieren. Aber ich bin zu müde für sowas. Und zu dumm. Es reicht gerade noch zu erkennen, dass alles, was beruflich von mir verlangt wird, völlig abstrakt und sinnlos ist.

Ein Kumpel hatte mal eine Freundin, die Verkäuferin bei Douglas war. Die hat sich immer schön angemalt, parfümiert mit den anderen Kolleginnen getratscht oder kuhäugig in die Gegend geguckt. Manchmal würde ich gerne mit ihr tauschen.

ps_
Die Voreigentümer meiner Spießerbutze haben mir einen Brief geschrieben. Sie würden gerne in die Heimat zurückkehren und fragen, ob ich ihnen das Haus zurückverkaufe.

25.04.2008

Petit Bourgeois

rome: "Die haben das genau ausgetüftelt. Die zahlen uns genau so viel, dass wir nicht abhauen."
UK: "Hm?"
rome: "Naja. Es wäre ein ziemlicher Willensakt, hier abzuhauen."
UK: "Was?"
rome: "Und dann sitzt da diese Angst im Nacken."
UK: "Welche Angst?"
rome: "Naja. Wasweissich: in Südamerika zu sitzen. Von mir aus braun gebrannt. Aber mit knurrendem Magen. Zweifelnd und pleite. Und überall hat man Sand."

24.04.2008

Money is a trap

rome: "The bank is really misogynic. I realised that last week when I was mowing my lawn."
Genevieve: "Really? Why?"
rome: "They trap women with money."
Genevieve: "What?"
rome: "They pay girls 70.000 Euro while their boy friends only earn half the money somewhere else."
Genevieve: "I don't get it."
rome: "A girl earning twice the money as her boyfriend won't quit work. So the bank trapped her."
Genevieve: "Did you smoke the grass after mowing it?"
rome: "Actually it's like a hostage-taking just not with weapons or violence but with money."
Genevieve: "Do you also listen to David Hasselhoff like all the other Germans?"
rome: "It's a prison without fences. Which somehow makes it worse than a real prison."
Genevieve: "I've been looking for freedom..."
rome: "Can you blame the bank? Well, I can. But the ordinary guy would say the girls could just quit - so they are the ones to blame."
Genevieve: "So what? Pay the girls less?"
rome: "Yes. Just to give them a chance to quit and to maybe have a baby."
Genevieve: "Aha. I think you are nuts."
rome: "Yes. I feel a bit like Eva Herrmann now."

23.04.2008

The French Prince

Noch ein Consultant. Einer aus Frankreich. Lebt seit 13 Jahren in Deutschland, hat ein Haus gekauft und spricht ein eher ulkiges Deutsch. Meistens unterhalten wir uns auf englisch. Mein Französisch ist merde. Mein Englisch im Prinzip auch, aber Französisch ist einfach eine Weibersprache. The French Prince ist Mitte vierzig, verheiratet und hat zwei Jungs in und kurz vor der Pubertät.

The French Prince hat kein einziges graues Haar. The Great Götzby ist mit ihm in Paris mal um die Häuser gezogen und hat mir davon erzählt:

"Du glaubst das nicht, ich habe sowas noch nicht gesehen. Egal, in welchem Laden wir waren, Frauen haben sich an unseren Tisch gedrängelt. Die sehen ihn, hören sein Lachen, Wasweissich und die kommen mit flatternden Haaren und wehenden Leftzen angerannt, um in seiner Nähe zu sein. Es ist un-glaub-lich!"

The French Prince ist sehr witzig und hat einen einzigartigen Charme (und kein einziges graues Haar!). Als ich neu in dem Laden war, war er zudem Guru Nummer eins, er hatte wirklich 'was drauf. Mein Abteilungsleiter wollte nicht, dass ich ihn persönlich belästige. Fragen an TFP sollten nur über die Abteilungsleiter gestellt werden.

TFP hat viel um die Ohren, aber einmal am Tag - wir arbeiten inzwischen in der selben Abteilung - kommt er bei mir vorbei und wir reden über langweiliges Zeug wie Thermo-Komposter, Rasenmähermotoren, Renovierungspläne und Heizkosten. Ich habe ihm gestern erzählt, dass mich meine (Ex-)Frau für einen "petit bourgeois" hält, weil ich immer heimlich die Heizung runtergedreht habe. Er hat gelacht und mich verstanden ("same thing with my wife - she always complains that it is too cold and whenever she turns away I always secretly turn down the radiators... and when she complains about the water not getting really hot I lie and tell her it's on maximum level... well, it will never be warm or hot enough for her anyway"). Naja. So in der Art. Außerdem kann er am lautesten von allen "PUTAIN!" rufen. The French Prince. Ich mag ihn.

Geschwindel

Meine Tochter ist eine der größten Einzelabnehmerinnen von Milumil und Aptamil 2 und 3 trinkfertig. Ihr Rekord liegt bei 15 Flaschen in 24 Stunden. Sie trinkt das Zeug seit 30 Monaten. Irgendwas haben die in die Flaschen gemischt. Die Pulverform davon kommt nicht in Frage. Auch nicht mit Tricks. Sie merkt alles. Blöderweise scheinen wir die einzigen Großabnehmer gewesen zu sein (300 Euro im Monat!), der Vertrieb wurde eingestellt. Wir kaufen jetzt in allen Läden Restbestände auf. Dennoch ist es nur eine Frage von Tagen oder Stunden, bis das Zeug ausgeht. Meine Frau hat ihr versucht, die Lage zu erklären. Sie glaubt ihr nicht. Als meine Frau über Telefonlautsprecher mit dem Hersteller persönlich sprach, um die Produktion wieder ankurbeln zu lassen und man sich erdreistete, dieses Ansinnen abzulehnen, sagte meine Tochter: "alles Geschwindel!" - Alles, was ihr nicht in den Kram passt, ist Geschwindel.

Gestern Abend musste ich sie kurzfristig berufsbedingt versetzen. Sie hatte eine Stunde vergeblich am Fenster nach mir Ausschau gehalten. Heute Abend bin ich vor ihr auf die Knie gegangen und habe um Verzeihung gebeten.

"Verzeihst du mir, bitte?"
"Nein!"
"Bitte, bitte?"
"Nein."
"Und wenn ich dich durchkitzle?"
"Nein."
"Aber es tut mir wirklich leid. Bitte, bitte vergib mir!"

Sie sah mir lange und gründlich in die Augen.

"Kein Geschwindel. Es tut mir wirklich leid!"
"Ich verzeihe dir."

Noch mal Glück gehabt.

15.04.2008

Porsche

Heute fragte mich eine Kollegin, ob ich einen Porsche fahren würde. "Heimlich und privat schon. Das sind gute Autos."

Mein Vater hatte einen. Nagelneu. Eigentlich war er nicht so, aber vielleicht hatte er Angst um mich, weil er wußte, wie ich fahre. Jedenfalls versteckte er die Schlüssel in seiner Sockenschublade. Gottseidank ging er immer sehr zeitig schlafen. Ich war achtzehn, wohnte noch zu Hause und schnappte mir also die Schlüssel und ein Bündel neuer CDs, schob den Porsche aus der Garage und ein paar Meter die Straße runter und fuhr los. Fragte man meinen Vater, wie schnell der Wagen sei, sagte er "so 285 km/h". Das stimmte aber nur für ihn. "296 km/h. Dann läuft er in den Drehzahlbegrenzer." lautete die richtige Antwort. Er brauchte auch nicht 15 - 18 Liter, sondern 25 - 30 Liter. Ich hatte extra einen Aufkleber besorgt, der am Heck mittig unter dem Spoiler klebte: "Tempo 30 - ich bin dafür!" Aber wie ich rausfand, gab es kaum Straßen in der Stadt, die man nachts nicht mit über 200 km/h fahren konnte. Dazu hörte ich dann vorzugsweise ihn oder sie. Ich war sehr jung und sehr doof und lächerlich mutig. Ich würde sagen, es war eine gute Zeit.

ps_
Nach 64 Jahren ist mir ist gerade aufgefallen, dass ich mal eine, hm, private Sportlehrerin hatte, die genau so aussah wie sie hier im Video. Naja. Lange her.

11.04.2008

Männer ohne Passion

sind bemitleidenswerte Arschlöcher. Ich bin so eins. Keine Passion. Kein Steckenpferd. Ich war oft besser als andere. Meistens aber nur, weil die anderen lausig waren. Ich würde ja gerne sagen, dass da irgendwann irgendwie irgendwelche Felle weggeschwommen sind. Aber ich hatte nie welche. Ich bin auf einem stagnierenden Level leidlich gut. Es fehlt an einer Einzelbegabung. Hingegen fehlt es nicht an Phlegma und Hybris - der Hybris, niemandem etwas beweisen zu wollen - am wenigsten mir selbst. Ich kann vor solchen Gestalten nur warnen. Männer ohne Passion sind gleichermaßen Zumutung und Zeitverschwendung.

Letztes Jahr, als ich meinen turnusmäßigen Versuch unternommen habe, aus diesem Dilemma auszubrechen, wollte ich zusammen mit Whippie eine Segelyacht kaufen. Ich hatte vier Wochen Segelbücher gelesen und für Whippie und mich eine Segelschule ausgeguckt. Irgendwann unterwegs kam ich mir albern vor und der Plan verwarf sich von selber.

Vor x Jahren, als ich meinen turnusmäßigen Versuch... war ich Fallschirmspringen in Kassel /Calden. Ich hatte mich in eine Pension eingemietet und sollte in einer Woche per AFF-Schulung zum Fallschirmspringer ausgebildet werden. Ich war gar nicht schlecht. Der einzige Kritikpunkt meiner Sprunglehrer: ich würde keine Sekunde lächeln, ich sei so angespannt. Und das stimmte. Unterm Strich hänge ich an meinem vergeudeten Leben. Also hatte ich keine Lust zu lächeln. So lange der Schirm noch nicht auf war, guckte ich auf den Höhenmesser. Und sobald der Schirm auf war, guckte ich auf die Nähte meines Gurtzeugs. Ob die Scheissdinger halten.

Merke. Angst, Phlegma und Hybris essen Seele auf.

08.04.2008

Melodramatisches Tschwein.

Dienstag, 24. März 2009, Grosser Saal, 20:00 Uhr.
Beethoven-Sinfonien-Zyklus Konzert IV,
Orchestre National de France,
Kurt Masur
Sinfonie Nr. 8 F-Dur op. 93,
Sinfonie Nr. 9 d-Moll op. 125
Veranstalter: Alte Oper Frankfurt

Gerade zwei Karten gekauft. Sechste Reihe. März 2009. Wann soll das denn sein? Und für wen ist die zweite Karte? Aber falls ich abkratze, und irgendwie habe ich das so im Gefühl, halte ich die Karten für ein gutes Vermächtnis.

Ja, wer auch nur eine Seele
Sein nennt auf dem Erdenrund!
Und wer's nie gekonnt, der stehle
Weinend sich aus diesem Bund!

03.04.2008

Schwupps...

da war der Bonus weg. Ging dann doch schnell mit dem Minus auf dem Konto. Arbeite jetzt sonntags. Doppelter Stundensatz gegen doppelte Ausgaben. Ansonsten gut organisiert. Gehe montags, mittwochs und freitags schwimmen (war heute 20 Minuten schneller als letzten Freitag). Dienstags und donnerstags besuche ich die Kleine abends nach der Arbeit in der Wohnung ihrer Mutter. Samstags ist sie bei mir. Seit ich diesen Wischomat habe, putze ich einmal die Woche die Butze (Bestzeit: 150 m² in unter 15 Minuten). Den Rest der Zeit sitze ich am Klavier oder höre Musik oder lese oder gucke Fernsehen. Das Herz schlägt dankenswerterweise friedlich weiter. Remote mode. Ich kann das. Konnte ich schon immer. Außerdem - wenn es ernst wird - entwickele ich kuriose Selbstheilungskräfte. Ich wurde vor drei oder vier Jahren operiert. Vollnarkose. Die OP dauerte anderthalb Stunden. Eine Minute später war ich wach und bin aus dem Aufwachraum gedackelt, während die anderen Arschlöcher, die vor mir operiert worden waren, noch komatös röchelten. Bin mit zwei Kathedern in der Hand da rausgelaufen. Einer links, einer rechts.

"Halt!" rief eine Schwester. "Sie dürfen nicht aufstehen!"
"Doch. Guck!" sagte ich. "Hab' Hunger und find's doof hier."
"Sie dürfen jetzt noch nichts essen!"
"Arschgeleckt."

Meine zukünftige Ex-Frau freute sich damals noch, mich zu sehen. Wir sind dann zu viert in die Kantine. Die beiden Katheder, meine Frau und ich.

Und sonst?

Matussek sagt: "Man sollte ein inneres Gespür für Grenzen entwickeln. Ein grenzenloses Leben hat die Tendenz zur Debilität. Aber ich würde nichts reglementieren, dazu liebe ich die Provokation zu sehr; es darf keine Zensur geben."

30.03.2008

Achillesferse - Update 1

Ich war am Freitag schwimmen und wurde von allen überholt. Sogar von einer 90jährigen Ur-Oma mit Beinprothese, die tot im Wasser trieb. Ich wurde ausgelacht.

Für's Protokoll: 20 x 25 m = 500 m in ca. 40 Minuten.

29.03.2008

Three of the best singers in the world

28.03.2008

Achillesferse

Direkt neben meiner chronischen Lamentiererei, Arbeitsunlust, Inkompetenz und Bösartigkeit ist meine Achillesferse das Schwimmen. Ich habe eine beschissene Wasserlage, keine Ausdauer und ein mieses Tempo. Ich habe beschlossen, montags und mittwochs nach der Arbeit im Selbstversuch herauszufinden, inwieweit genetische Dispositionen abtrainierbar sind. Die neue Schwimmbrille und Badelatschen liegen bereit. Ich sag' dann Bescheid.

Personal Mephisto

Ich war letzte Woche 'was mit ihm trinken. Wir waren sehr besoffen. Ich habe herausgefunden, dass er meine Jugendlieben Nummer drei und Nummer vier ruiniert hat. Wir waren fünfzehn und Nummer drei hiess Kerstin. Kurz bevor sie mich fragte, ob ich mit ihr auf ein Konzert gehen würde, hatte er mir erzählt, dass sie mit einem Bekannten, Gerry, geknutscht hätte. Dafür (und wegen ihrer merkwürdigen Frisur) liess ich sie leider abblitzen. Ohne diese Geschichte wäre ich wahrscheinlich heute von ihr geschieden, und sie wäre demnach erstmal keine Lesbe geworden.

Nummer vier - wir waren siebzehn. Sie hiess Suse. Sie sagte mir, dass sie noch Jungfrau sei. Außerdem lud sie mich zu ihren Ballettauftritten ein. Irgendwann bekam ich mit, dass sie besoffen mit Frau Müller geknutscht hatte. Frau Müller kannte Suse schon aus dem Kindergarten und behauptete, sie wären sich aus dieser Zeit noch versprochen, er hätte also zweifelsfrei die älteren Rechte. Kurz darauf zupfte Suse an meinem Ärmel und bat um Vergebung. Vergebung war nicht meine Stärke. Ich liess sie relativ bösartig abblitzen.

"Wenn du mal kein mieser, beschissener Mephisto warst!" sagte ich, ehe ich mich besoffen über den Tisch lehnte und ihm einen Kuss (auf die Stirn) gab.

27.03.2008

Achnaja

Ich hatte zehn Tage Urlaub und habe nicht einmal gehustet. Morgens unter der Dusche, an meinem ersten Arbeitstag nach dem Urlaub, ging das mit dem Husten wieder los. Genau seit diesem Moment hat er einen Namen: Zwingerhusten. "Swingerhusten?" fragte meine Kollegin. "Nein, nein." sagte ich. "Noch viel hündischer!"

"Wenn man erstmal in die Arbeitswelt abgetaucht ist, sind doch alle Jahre gleich. Die einzigen Ereignisse, die man noch erlebt, sind medizinischer Art."

17.03.2008

These are days

Ich habe mich ein bisschen verliebt. In mein neues Vileda Ultramat Electro System. In Sebastian Vettel nach der zweiten Qualifyingsession am Samstag. In meine neue Grafikkarte. In Bear Stearns, weil ich im Juni günstig an einen ganzen Sack Mitarbeiteraktien komme. In Nscho-Tschi. Sogar in China-Boykott-Aufrufe. Ein klitzkleines bisschen auch in George W., weil der so schön schmerzfrei ist. Weitermachen, würde ich sagen. Ich nehm' mir die Woche frei.

14.03.2008

G. B.

Sie werden allein sein, eine Nußschale auf dem Meer, aus der es klirrt mit fragwürdigen Lauten, klappert vor Kälte, zittert vor ihren eigenen Schauern vor sich selber, aber geben Sie nicht SOS - erstens hört Sie keiner und zweitens wird Ihr Ende sanft sein nach so viel Fahrten.

03.03.2008

Nach Diktat verreist

Heute gezählt: ich habe 24 Paar Hosen. Vor der Ehe hatte ich höchtens 6 Paar. Darüber hinaus: das Haus wirkt sehr verwaist und schon ein bisschen verwahrlost. Die Chancen, dass ich das Haus kindgerecht erhalte, stehen eher schlecht. Des weiteren: Streit mit der Ex-Frau. Wir waren mit der Kleinen am Sonntag gemeinsam unterwegs. Sie fuhr auf einer Bundesstraße im fünften Gang mit 100 km/h. Ich empfahl den sechsten Gang, um Sprit zu sparen. "Macht anderthalb Liter aus." Ich hätte das in der Vergangenheit schon oft genug gesagt. Sie wisse nun ja, dass sie nicht Auto fahren kann.

Ich würde gerne nach Hause gehen. Aber da ist niemand mehr.

02.03.2008

Frau Müller

Wir waren hundert Jahre in der selben Klasse. Wir sind die beiden einzigen, die nicht zu Klassentreffen eingeladen werden. Frau Müller ist mein ältester Freund. Wir haben früher viel getrunken und gesungen. Wir haben mal, ohne zu reden, acht Stunden in einem McDonalds in Glasgow gesessen. Manchmal, wenn ihn der Mut so ein bisschen verlassen hatte, habe ich mich für ihn geprügelt. Einmal habe ich mich mit einer ganzen Türkenbande angelegt. Als ich dem Türkenbandenchef das Gesicht blutig geschlagen hatte, kamen sie mit Waffen. Irgendein maskierter Türke hielt mir eine Pistole an den Kopf. Frau Müller hat sich das Geschehen aus einer Hecke, in die er eilig gesprungen war, angeguckt. Ich würde mit ihm also nicht unbedingt in den Krieg ziehen, aber ich hab' ihn trotzdem lieb und in Wahrheit ist er viel stärker als ich. She gives a smile when the pain comes.

Mr. Podcast

"Hi, einmal die 199, einen Cheeseburger und 'ne Portion Pommes. Mayo extra", sage ich in aller Regel zu ihr.
"Ah, hallo", flirtet sie dann. "Schön sie zu hören!"

Sie hat einen Schnellimbiss in der Stadt und ist steinreich. Hat ein Haus im Diplomatenviertel. Und sie hat sich in meine Stimme verknallt. "Sie haben so schöne Stimme - die schönste, die ich kenne!"

Und weil ich so eine schöne Stimme habe und außerdem mein Klaviergeklimpere aufnehmen will, habe ich das da bestellt. Obacht, sonst gibt's 'was auf die Ohren!

Mr. Wolf

Ich vergesse immer seinen Geburtstag. Gottseidank ruft er mich dann an, um sich darüber bei mir zu beschweren. Ich würde sagen, er ist Mitte vierzig. Mr. Wolf war mein Trauzeuge. Wir kennen uns aus der Bank. Einer anderen Bank. Mr. Wolf lebt und ist sehr bescheiden. Er ist riesengroß, durchtrainiert, vorsichtig und klug. Ich habe aus Versehen mal mitbekommen, wieviel Bonus er vor ein paar Jahren bekommen hat, als er noch gearbeitet hat. War ein siebenstelliger Betrag - und, nein, die Nachkommastellen zähle ich nicht mit. Einmal war er unter den besten drei Händlern einer großen, großen Bank. Als Sonderbonus bekam er drei Wochen Sonderurlaub und durfte ohne Limit verreisen. First class galore. Privat trägt er Holzfällerhemden. Einmal war er zu einer speziellen Weihnachtsfeier einer Bank eingeladen. Gegen Mitternacht kamen dreissig Edelnutten in den Saal - der Chef rief laut: "Bitte bedienen Sie sich!" und mein Freund Wolf ging nach Hause - alleine. Und weil die Welt so klein ist, kennen sich Wolf und Big G. von vor zwanzig Jahren. Und ich habe dem Vater von Wolf einen neuen Jaguar über Whippie vermittelt - mit 30 % Rabatt. Wir waren vor einer Woche essen. Ich habe ihm von der Trennung erzählt. Er hat mit mir geschimpft. Ich würde sagen, er ist ein guter Trauzeuge.

The Big Grabowski

In Wahrheit sind wir beide Einzelgänger. Ich weiss, dass er seine beiden Söhne liebt, aber warum wir Familienväter geworden sind, ist schwer zu sagen. Es hat zwei Jahre gedauert, ehe wir uns näher kamen. Whippie ist auf die Rolleridee sofort angesprungen. Bei Big Grabowski hat es gedauert. Whippie und Big G. kennen sich, gehen sich aber aus dem Weg, obwohl oder weil sie nur 500 m Luftlinie voneinander entfernt wohnen. Big G. ist kein Whippie, er ist nachdenklicher und schwerfälliger, aber er ist ein guter Mann.

01.03.2008

Whippie

Mein persönlicher Mentor ist ein 58jähriger Choleriker mit einer Borderlinesymptomatik obendrauf. Ich habe ihn vor ein paar Jahren in der Bank kennengelernt. Wir kamen aus einem Meeting mit dem Head of Operations. Ich hatte die Tür gerade eben so hinter mir zugemacht, als mich Whippie lautstark fragte: "Was ist denn das für ein blödes Arschloch?"
Es war Liebe auf den ersten Blick zwischen uns. Whippie ist ein Consultant, den man holt, wenn es richtig eng wird. Ich schätze seinen Stundensatz auf mindestens 200 Euro. Er ist verheiratet und hat drei Töchter. Und weil er mich mag und weil er denkt, dass ich reich bin, wollte er mich mit einer verkuppeln. Alle haben mit Auszeichnung in Rekordzeit studiert und sitzen jetzt in London, New York und Weissnichtwo. Ich hatte die freie Auswahl, musste aber ablehnen, weil ich für die Vielehe völlig ungeeignet bin. Dafür habe ich ihm meinerseits ein Wildschwein aus den väterlichen Wäldern verkauft, das er selber nachbehandelt hat. Irgendwann schwärmte ich vom Rollerfahren. Zwei Tage später hatte er einen C1 gekauft und in den Pausen fuhren wir um die Wette. Seine Frau kocht nicht (siehe Choleriker), was dazu führte, dass er jeden Morgen, wenn er ins Büro kam, brüllte: "Was gehen wir heute essen, rome?"
Whippie hat das Schuheausziehen und Schuhlosrumlaufen in der Bank salonfähig gemacht. Okay, wir beide sind die einzigen, die ohne Schuhe rumlaufen, aber das reicht ja auch. Whippie versteht keinen Spaß. Manchmal muss ich ihn bremsen, damit niemand verletzt wird. Wenn er ein schwieriges Problem hat, kommt er bei mir vorbei und wir gehen ein oder zwei Stunden draussen spazieren. Unserer stocklesbischen Kollegin haut er regelmaessig auf den Arsch und fragt, ob sie ihn nichtmal besuchen will. Auf meiner Hochzeit hat er die Schnappsbar eröffnet. Ich habe ihm sein erstes Discountzertifikat verkauft. Als ich ihn fragte, ob der Gedanke, drei Töchter zu haben, wohl tröstlich sei, wenn man mal abtritt, sagte er ja. Als ich ihn fragte, ob er sich auf seinen ersten Enkel freut, sagte er: "Geht mir am Arsch vorbei!"
Er hat ein Faible für Dosenöffner. Wenn wir durch die Stadt gehen und er einen Dosenöffner sieht, kauft er ihn (siehe Ehefrau). Seit letztem Jahr hat er ein dreihundertfünfzigquadratmeter Haus in Thailand. Er überwintert da. Ist noch drei Monate weg, und er hat letzte Woche einen Brunnen gebohrt. Das Wasser ist, wie er sagt, pissgelb.
Und ich fürchte, ich bin der Sohn, den er nie hatte - und er ist der Vater, den ich vermisse.

27.02.2008

Obacht beim Scheissen!

Manfred war verheiratet. Er hatte ein abbezahltes Reihenhaus, arbeitete für meinen Vater und ging am Wochenende mit ihm zur Jagd. An einem Neujahrsmorgen vor sieben Jahren verliess ihn seine Frau. Sie hatte ihn immer schon betrogen, aber jetzt, nachdem sie die Liebe ihres Lebens, einen arbeitslosen Alkoholiker, gefunden hatte, war es an der Zeit, Kasse zu machen. Das Haus kam in die Zwangsversteigerung. Manfred wusste, dass er all die Jahre betrogen worden war. Aber er hatte an der Ehe und an seinem Leben festhalten wollen. Ging aber nicht. Mit Mitte fünfzig zog er in einer fünfzigquadratmeter Butze in Frankfurt. Irgendwann verabredete er sich mit Frauen seines Alters. "Ich meine, die sind alle geschieden und völlig bekloppt!" sagte er, als ich ihn in seiner Hinterhausbutze besuchte. An einem Montag, knapp ein Jahr nachdem er geschieden war, kippte er in der Firma meines Vaters beim Scheissen tot von der Toilette. Herzinfarkt.

Aus einer Studie: "Für Männer und Frauen wurden altersstandardisierte Mortalitätsraten (pro 10 000 Personenjahre) und mit Hilfe von Co-Proportional-Hazards-Modellen adjustierte relative Risiken berechnet. Für alleinstehende Männer war die altersstandardisierte Mortalitätsrate mit 437,3 beinahe doppelt so hoch wie für Mäner mit (Ehe-)Partnerin (235,3)."

23.02.2008

Rounders, Whitney Houston und Sven Väth

Ich war meiner Zeit immer etwa vier oder fünf Jahre voraus.

ad 1, Rounders habe ich '99 gesehen, als man Poker noch mit Teppich- und Autohändlern spielte.
ad 2, 1985 eröffnete Saturn Hansa einen Riesenplattenladen auf der oberen Bergerstraße. Ich war zwölf oder dreizehn, hatte zuviel Taschengeld und bestellte haufenweise Platten aus den USA. Peinlich aber wahr: ich war der erste, der in Frankfurt einen Whitney Houston Tonträger aus den USA importieren liess.
ad 3, 1988, mit 16, in meiner depressiven Nietzsche-, Russisches-Roulette, Autoklau- und Sackophase, hatte ich noch mehr Taschengeld. Ich glaube, es waren 800 Mark. Weil das natürlich nicht für meine diversen Rituale reichte - eine Nacht in einer Junior Suite im Frankfurter Hof kostete ja schon über 400 Mark - beklaute ich noch regelmäßig meinen Vater. Eines meiner Lieblingsrituale zu dieser Zeit: jeden Mittwoch, so gegen ein Uhr nachts, sobald meine Eltern eingeschlafen waren, zog ich mich an, klaute zwei-, drei oder vierhundert Mark aus der stets mit fünf bis achttausend Mark gefüllten Brieftasche meines Vaters, stieg auf meine 80er und fuhr mit flatterndem Kenzosacko ins Vogue. Hiess damals vielleicht auch schon Omen. Keine Ahnung. Die hatten da so eine halbe Armee von Türstehern, angeführt von einem dicken Türken. Ich parkte mein Moped zwei Metern von den Jungs entfernt, direkt vorm Eingang. "Schön auf's Moped aufpassen, ja!" sagte ich dem dicken Türken, der nicht wusste, wie ihm geschah und wer der blöde Idiot vor ihm ist. Ich hatte einen Stammplatz an der Bar ganz links. Sven Väth war quer über die Tanzfläche zu der Zeit noch ganz gut zu sehen und tüftelte an seinem Technokram. Ich fürchte, der ganze Laden war auf Speed oder Koks, ich sah nie jemanden ein zweites Getränk bestellen. Bis auf mich. Ich war der einzige in dem Schuppen, der ernsthaft soff. "Gottseidank, dass du da bist - mir war so langweilig!" rief die kahlköpfige Barfrau, wann immer sie mich erspähte. Sie mochte mich. Alle Welt hielt mich für einen Kokser. De facto wollte ich mich mittwochs zu Väths Technogeschrubbel aber immer nur vollsaufen. Ich weiss, dass die Kombination Techno und Alkohol für andere nie so richtig gezündet hat, aber wenn man die kahlköpfige Barfrau fragen würde: sie würde bestätigen, dass ich zumindest ihren Job mit meiner Sauferei gerettet habe. Wenn nicht sogar den ganzen Technokram.

ps_
Von wegen schlechtes Gewissen wegen Geldklauerei. Ich hatte einen Bekannten, der zu der Zeit und etwa im gleichen Alter den neuen 911er seiner Mutter samt Fahrzeugbrief klaute, nach München fuhr, den Wagen für 60.000 Mark ein bisschen unter Wert verkaufte und zwei Tage später zu Hause anrief, um mitzuteilen, dass ihm das Geld beim Feiern ausgegangen sei. Ich mochte die Geschichte. Ich hatte nie große Problemen mit schwierigen Türen und wenn man an der Himmelpforte Anstalten gemacht hätte - mit Verweis auf meine diversen Bekannten hätte ich Petrus locker der Pedanterie überführen können, dachte ich.

21.02.2008

Neulich in der Nervenheilanstalt

"Wir haben zusammen getanzt. Und ich weiß, dass ich ihn liebe, weil... weil ich es weiß. Es ist hier. Hier drin. Hier! Und Sie, Sie wissen gar nichts vom Leben. Gar nichts wissen Sie. Weil ich einen Freund habe und Sie nicht. Sie alte Kuh. Wir haben getanzt. Und wir haben Fahrscheine gekauft. Und ein Eis gegessen. Und eine Blume geschossen. Wir haben in einem Bett geschlafen. Und wir haben den Mond gesehen. Und ich hab' sein Herz gehört!"