Der Tag fängt nicht gut an. Liegt an meinem Biorhythmus. Immer wenn ich längere Zeit frei habe, gehe ich um neun Uhr morgens ins Bett und schlafe etwa bis 15.45 Uhr. Bin dann ausgeruht, sehr entspannt und theoretisch in der Lage, die Welt in Brand zu stecken. Heute morgen bin ich so gegen 08.30 Uhr aufgestanden. Ist nicht meine Zeit. Keine Flammen weit und breit.
IAA ist auch nix. Ich gehe nächste Woche mal heimlich mit meinem Chef hin, um nach den Hostessen zu gucken, aber sonst nervt das wegen dem Verkehr.
9.30 Uhr sitze ich in meinem Stuhl. Verhältnismäßig spannender Moment: ich gucke in meinen Kalender. Ich weiß nie vorher, welche Termine auf mich zukommen und was ich wieder vergessen habe. Blackberry finde ich doof. Und mit Android/Google kann man den bekloppten Kalender nicht synchronisieren.
Dieser Tag ist gut. Nur einen Vier-Stunden-Termin mit meinem Boss. Wir wählen die besten abgeschlossenen Projekte aus diesem Jahr aus, um den Leuten Geldprämien zukommen zu lassen. Götzby hieve ich völlig unerwartet auf Platz 3.
Nach einer Stunde haben wir 40 Projekte bewertet. Wir sind so lean wie nur was. Drei Stunden gespart.
Mein Boss bittet mich zu einem intimen Gespräch in einen Think Tank. Er hat mit dem CEO über mich gesprochen. Wenn wir nicht beide vorher abhauen, möchte er, dass ich sein Nachfolger werde und Deutschland und Osteuropa in unserem Bereich leite. Der CEO ist okay. Er ruft gerne laut und deutlich “BULLSHIT!” – auch zu mir. Erinnert mich an meinen Ex-Schwiegervater und sein Tourette-Syndrom. Ich bin übrigens der einzige, der den zum Schweigen und Weinen gebracht hat. Das ist vielleicht mein einziges Talent: ich kann das mit fast jedem.
Jedenfalls habe ich den CEO zu hart rangenommen. Eigentlich ist er es gewohnt, die Leute zum Weinen zu bringen. Er ist jetzt nicht grundsätzlich gegen mich, schlägt aber vor, dass ich vielleicht noch mal in ein Kommunikationstraining gehe. Haha.
Wenn alles gut geht, wird mein Boss globaler Chef für unser Zeug und betreut dann 35.000 Mitarbeiter in 30-40 Ländern (weiß gar nicht wie viele). Und wenn das so kommt, kann ich mir theoretisch immer irgendein Land aussuchen, das mir irgendwie gefällt und in dem ich arbeiten möchte. Das ist gut. Wenn DK dann bei mir wohnt und ihre Mutter in der Geschwindigkeit weiter abdreht, nehme ich sie einfach mit. Naja, keine Ahnung. Gibt ja schlimmeres, als Optionen zu haben.
Zeit für Mittagessen. Ich gehe mit einem Bekannten aus Product zu Tisch. Seine Freundin lernt gerade auf Heilpraktiker um. Ich kann sie nicht so gut leiden und fange an zu pfeifen, als er sich bei mir zu Hause mit ihr einladen will. Wir reden dann lieber über eine Projektidee, die er hat. Die ist auch gar nicht schlecht, aber ich hole trotzdem mal die Weltformel raus: E = Q x A. Bei ihm hapert es ein bisschen mit dem A.
Wir essen und labern, laufen dann durch die Stadt. Als wir nach zwei Stunden zurück sind, schlendere ich zu Dr. S. Dr. S. ist der schlaueste Kopf in der Bank. Niemand kann ihm folgen. Er ist zu schnell, zu gut. Von mir nimmt er an, dass ich der einzige bin, der ihn versteht. Er lächelt, wenn er mich sieht. Wir tauschen Informationen in einer abartigen Geschwindigkeit und Präzision aus. Großes Tischtennis!
Danach führt mich meine Tour zur Lieblingslesbe. Kaffee trinken. Wir sitzen auf so einem gemütlichen Lederdings. Ich ziehe die Schuhe aus. “Hörma. Weißt du, wer Anne Hathaway ist?” frage ich. “Klar, total hübsch!” sagt sie.
“Habe ich dir mal ein Bild vom Wunderlampen-Mädchen gezeigt?” frage ich weiter." “Nee”, sagt sie.
Dann zeige ich ihr ein Bild in meinem Handy. Darunter steht ihr Geburtsdatum.
“Scheiße, die sieht ja genau so aus!” ruft sie.
“Sag ich doch.”
“WAS? Die ist Jahrgang 84?”
“Wieso?”
LL: “Die ist zwölf Jahre jünger als du? Und die ist richtig hübsch! Was soll das denn. Ich meine, bist ja nicht Brad Pitt! Du bist ja nicht schön, oder so.”
R: “Geht’s noch? Wer ist denn bitte Brad Pitt? Und wie alt ist DER denn? Und wer bitte kann denn schöner sein als ich?”
LL: “Jetzt sei doch mal ehrlich. Diese Frauen machen doch nix weiter als auf ihren Körper zu achten. Das ist ja wie ein Fetisch bei denen. Und du hast nicht so einen Körper!”
R: “Was weißt du denn von meinem Körper? Und was soll ich denn machen, wenn die mich wollen?”
LL: “Naja. Ich würde das ablehnen. Ich könnte mit so jemandem nicht zusammen sein oder Sex haben! Der, äh, Unterschied wäre mir einfach zu krass.”
R: “Bist du bekloppt? Du sagst mir hier, dass ich zu hässlich für Sex bin und dass du dich wunderst, dass ich überhaupt jemals Sex hatte? Wenn ich in einer Bar sitze und die gucken, soll ich dann zu denen gehen und sage: janee, hörma auf zu gucken, meine Lieblingslesbe sagt, ich bin total hässlich?”
LL: “Bist du sauer?”
R: “Naja. Ich glaube, du kannst mich mal am Arsch lecken.”
LL: “Aber warum denn immer so junge?”
R: “Das ist eine gute Frage. Die habe ich auch mal dem Lieblingsbarmann gestellt. Der hat mir das erklärt: wenn man noch ein Kind will, soll man das ja nicht übers Knie brechen und sich erst mal kennenlernen. Wenn wir jetzt mit Frauen in deinem Alter rumhängen würden, ginge das ja gar nicht mit dem Warten. Dann muss man quasi nach dem zweiten Date loslegen, weil sonst eh die Uhr abgelaufen ist. Naja. Das war seine Erklärung. Ich finde auch die Körper ganz gut.”
LL: “Du bist ein Schwein.”
R: Und du kannst mich immer noch am Arsch lecken.”
Dann kommt der Facility Manager vorbei. Warum auch immer: der steht in der Hierarchie ganz oben. Letzte Woche hatten ich einen Streit mit ihm. Er kommt zu mir, legt mir die Hand auf die Schulter.
FM: “Herr Rounders, ich möchte bei Ihnen entschuldigen. Es tut mir leid, ich gelobe Besserung und mache es wieder gut.”
R: “Prima. Das hört sich doch gut an.”
FM: “Schönen Nachmittag noch!”
Die Lieblingslesbe ist fassungslos. Der Typ beantwortet seit Jahren keinem mehr eine Email.
LL: “Verdammte Scheiße, wen kennst du eigentlich alles und was hast du hier eigentlich für einen verdammten Status?”
R: “Watt?”
LL: “Ich habe keine Ahnung, wer oder was du bist.”
R: “Doch. Ich bin der, der eigentlich keine abkriegen dürfte. Du alte Kuh.”
LL: “Gehen wir mal wieder einen saufen? Ich meine so richtig. Mit Whisky. Nur wir zwei!”
(Als wir das das letzte Mal gemacht haben, war ich sehr betrunken und wir sind ganz, ganz knapp an einem Coming-In vorbeigesegelt.)
R: “Klar.”
LL: “Ich habe das nicht so gemeint. Ich erzähle ganz vielen Leuten von dir. Und ich sage denen immer, dass du ein ganz großes Herz hast und dass du sehr-sehr klug bist.”
R: “Das ist nett. Aber Sex darf ich keinen haben?”
LL: “Die eine war 21. Das sind KINDER!”
R: “Leck mich.”
Danach schlage ich ein paar Haken durch die Bank, verabschiede meinen Boss, der morgen verreist, gucke auf die Uhr und stelle fest, dass es schon Zeit für den Feierabend ist. Ich werfe meinen Turnbeutel über die Schulter und lustwandele zu Götzby.
R: “Na, du faule Sau! Wir gehen zum Sport. Krafttraining! Die Lieblingslesbe sagt, ich bin zu hässlich für Sex. Vielleicht hilft das Training ja!
G: “Quatsch. Was bin denn dann ich? Ich würde dir mit vögeln!”
R: “Das ist lieb. Gehen wir.”
Wir trainieren ein bisschen, hängen im Dampfbad rum, kurven danach durch die Stadt und laufen schließlich zur Nummer 16.
Auf dem Weg dahin sehe ich DAS NEUE MÄDCHEN in einer Kochschule. Mirko Reeh oder wie der heißt.
R: “SCHEISSE!" Das neue Mädchen!”
Ich bleibe stehen. Gucke quer über die Straße und winke ihr zu. Sie erkennt mich nicht. Götzby will reingehen.
R: “Von wegen! Die kann mich auch mal am Arsch lecken!”
Dann murmele ich 150 mal “Fick dich!” und weiß nicht, wen oder was ich damit meine. Götzby fragt, warum die nicht zurückwinkt. Ich mich auch.
N16 hat eine neue Karte und höhere Preise. Scheißegal. Die Qualität ist perfekt. Filet und Lammrücken und Tiramisu und Wein satt.
Götzby geht’s nicht so gut. Ich bringe ihn zum Lachen. Zwischendurch schreibe ich DNM eine SMS.
“Hörma. Warum lernst du denn jetzt Kochen, wenn ich dich seit Jahren zum Essen einladen will. Ich versteht das nicht. Verstehst du das? Bin in der N16, falls du mir das erklären kannst.”
Die guten Texte sind schon lange ausgegangen.
Mitternacht. DNM antwortet. “Sorry, du hast dich verguckt, bin in einem ganz anderen Stadtteil… “ Blabla.
“Du arme Sau”, sagt der Götzby.
“Ja”, sage ich.
Dann gehe ich nach Hause und schreibe den Quatsch hier auf.
ps_
Effizienz = Qualität x Akzeptanz // die beste Idee ist einen Scheiß wert, wenn sie keine Akzeptanz findet.